Was bewegt mich? Motive für Studienzweifel erkennen

Studium fortführen oder Neustart wagen? Zweifel am Studium haben verschiedene Ursachen. Wenn Sie Ihre Motive erkennen, können Sie Zweifel ausräumen und das Studium gestärkt fortsetzen – oder reflektiert und selbstbewusst neu starten.

Junger Mann steht am Geländer einer Brücke und blickt in die Ferne. Im Hintergrund ist ein Schiff zu sehen.

Studium oder Ausbildung? Christoph Seidel hat sich nach sechs Semestern Lehramtsstudium für eine Ausbildung zum Binnenschiffer entschieden.

JOBSTARTER / Fotografin: Virginia Gerard

„Wer recht erkennen will, muss zuvor in richtiger Weise gezweifelt haben“, stellte schon Aristoteles fest. Zweifel haben also durchaus ihre Berechtigung. Sie führen dazu, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und die eigenen Entscheidungen zu reflektieren. Auch Zweifel am Studium gehören dazu. Falls Sie bereits über einen längeren Zeitraum zweifeln und mit Ihrer Situation unzufrieden sind, sollten Sie den Ursachen systematisch auf den Grund gehen – und den für Sie passenden Lösungsweg „recht erkennen“.

MOTIVE FÜR STUDIENZWEIFEL: EIN ÜBERBLICK

Vielleicht waren Sie bereits zu Studienbeginn unsicher, ob der gewählte Studiengang die richtige Entscheidung war oder die Rahmenbedingungen an der Hochschule für Sie passen. Oder Sie waren bereits seit einigen Semestern eingeschrieben, als Sie das erste Mal am Studium zweifelten – zum Beispiel weil mit den Abschlussarbeiten der Leistungsdruck stieg, sich die Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt als schlecht erwiesen oder private Herausforderungen Ihre Aufmerksamkeit vom Studium weglenkten. Und falls Sie momentan unzufrieden sind oder zweifeln, dann tun Sie das vermutlich bereits schon lange oder sind durch die Ursachen stark eingeschränkt.

Kurz: Der Studienabbruch ist in der Regel ein komplexer Prozess, gekennzeichnet durch viele verschiedene Faktoren, persönliche und von den Hochschulen beeinflussbare. Und die Motive können sehr unterschiedlich sein: Von der Wahl der Studienfächer bis zur allgemeinen Arbeitsmarktlage – all das spielt eine Rolle. Natürlich können Sie all diese Ursachen nicht selbst beeinflussen, aber einige: zum Beispiel Ihre persönliche Studienmotivation. Sie ist entscheidend für das Gelingen des Studiums. Denn mangelnde Studienmotivation ist einer der Hauptgründe für einen Studienabbruch. Das zeigen auch die Studien des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissensschaftsforschung (DZHW):

Ausschlaggebende Studienabbruchmotive der Studienabbrecher 2000 und 2008, Angaben in %

Laut der Studien des DZHW verlassen die meisten Studierenden aufgrund von Leistungsproblemen die Hochschulen. Darauf folgen finanzielle Probleme und mangelnde Studienmotivation.

DZHW

MOTIVE IDENTIFIZIEREN – LÖSUNGSWEGE FINDEN

Wie finden Sie nun heraus, was genau zu Ihrer Unzufriedenheit führt? Zunächst einmal, indem Sie sich Zeit nehmen. Denn in vielen Fällen sind die Motive nicht offensichtlich oder ein augenscheinlicher Grund ist nur der sogenannte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Nehmen Sie sich also ausreichend Zeit, um Ihre Situation ausgiebig zu reflektieren und Ihre Motive zu erkennen.

Dabei ist es wichtig, dass Sie sich selbstbewusst Ihrer Situation stellen und sich mit Ihren Zweifeln auseinandersetzen. Sprechen Sie mit der Familie, mit Freunden oder Kommilitonen und darüber hinaus auch mit „Profis“: Beraterinnen und Berater und deren „Blick von außen“ können Ihnen helfen, Gedanken zu sortieren und die nächsten Schritte für die Lösung Ihres Problems zu planen. Die meisten Hochschulen haben zentrale Studienberatungen oder psychosoziale Beratungsstellen, an die Sie sich wenden können. Nehmen Sie diese Beratungsangebote bei Ihrer Entscheidungsfindung in Anspruch.

Im Folgenden befassen wir uns noch etwas detaillierter mit den „Top-3-Motiven“, die von Studierenden der DZHW-Studien häufig als Ursache von Studienzweifeln genannt wurden: Leistungsprobleme, finanzielle Probleme und mangelnde Studienmotivation. Diese können Sie in der Regel beeinflussen und es gibt passende Hilfsangebote. Abschließend werfen wir einen Blick auf familiäre und gesundheitliche Probleme.

Zu viel und zu schwieriger Lernstoff – Leistungsprobleme

Vorlesungen und Seminare besuchen, die Studienveranstaltungen vor- und nachbereiten, Hausarbeiten und Klausuren schreiben, mündliche Prüfungen absolvieren: Ein Studium verlangt den Studierenden einiges ab. Wahrscheinlich haben Sie das bereits selbst gespürt und wissen: Das Klischee vom Studenten, der lange schläft, gegen Mittag gemütlich aufsteht und jeden Abend auf einer anderen Party zu finden ist, trifft schon lange nicht mehr zu. Ein Studium fordert viel Selbstdisziplin und Einsatz, die intensiven Prüfungsphasen sind körperlich und psychisch anstrengend. 20 Prozent der Studienabbrecherinnen und -abbrecher gaben in den DZHW-Studien an, dass der Leistungsdruck im Studium und die Menge des zu lernenden Stoffes zu hoch waren und sie deshalb die Hochschule verlassen haben. Elf Prozent der Studienabbrecherinnen und -abbrecher gaben aufgrund von Prüfungsversagen ihr Studium auf:

Abbildung: Leistungsprobleme als ausschlaggebender Grund für den Studienabbruch nach Hochschulart und Art des angestrebten Abschluss, Angaben in Prozent

2008 gaben elf Prozent der Studienabbrecherinnen und -abbrecher an, ihr Studium aufgrund von Prüfungsversagen nicht abgeschlossen zu haben.

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Dabei können die Gründe für Leistungsprobleme vielfältig sein: Eventuell fehlt Ihnen die Zeit zum Lernen, da Sie neben dem Studium arbeiten oder familiären Verpflichtungen nachkommen müssen. Oder Sie müssen erst lernen, das Studium zu organisieren und sich Ihre Lernzeiten gut einzuteilen. Hin und wieder entsteht Leistungsdruck durch sehr hohe Erwartungen, die man an sich selbst stellt oder die von außen, zum Beispiel von den Eltern, an einen herangetragen werden. Ist das bei Ihnen der Fall?

Nicht zuletzt ist auch die Persönlichkeit des Studierenden entscheidend: Haben Sie sich für einen Studiengang entschieden, der nicht Ihren Fähigkeiten und Interessen entspricht oder ziehen Sie die Praxis der Theorie vor? Dann könnten Sie gegebenenfalls durch einen Studienumstieg oder einen Studienausstieg besser Ihren Weg finden. Falls Sie sich überfordert fühlen und den Stoff nicht bewältigen können, unterstützt Sie die Zentrale Studienberatung an Ihrer Hochschule, die Beratung in Ihrem Fachbereich oder andere Beratungsstellen vor Ort.

Geldsorgen im Studium – Finanzielle Motive

Das Zimmer im Wohnheim oder in der WG, Bücher und Studienmaterialien, Mensaessen – das Studium ist kostspielig. Die Finanzierung eines Auslandssemesters oder eines unbezahlten Pflichtpraktikums kann Ihre Ausgaben zusätzlich steigern. Außerdem müssen Sie gegebenenfalls Semester- und/oder Studienbeiträge an die jeweilige Hochschule zahlen. Darüber hinaus benötigen Sie natürlich auch Geld für Ernährung, Haushalt, Kommunikation und Freizeit. Laut der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerk liegt das monatliche Budget von Studierenden derzeit bei circa 864 Euro. Das Meiste davon geben sie für die monatliche Miete und für Lebensmittel aus.

Wie also das Studium finanzieren? Neben der finanziellen Unterstützung durch die Eltern oder BAföG können Sie zum Beispiel auch einen Studienkredit aufnehmen oder sich auf ein Stipendium bewerben. Stipendien kommen für Sie insbesondere dann in Frage, wenn Sie besonders gute Leistungen im Studium vorweisen können, ehrenamtlich tätig sind oder einen Migrationshintergrund haben. Bei der Vielfalt der Stipendien ist aber in der Regel für jeden etwas dabei. Einen Überblick über alle in Deutschland angebotenen Stipendien erhalten Sie auf der Website Stipendienlotse. Eventuell kann Sie aber auch das Bundesland, in dem Sie studieren, finanziell unterstützen. So vergibt zum Beispiel die Darlehenskasse der Studentenwerke in NRW (Daka) nicht mehr nur in der Studienabschlussphase Darlehen an Studierende, sondern in jeder Phase des Studiums – sofern das nötige „Kleingeld“ für das Studium fehlt.

Abbildung: Finanzielle Probleme als ausschlaggebender Grund für den Studienabbruch nach Hochschulart und Art des angestrebten Abschlusses, Angaben in Prozent

Finanzielle Probleme nannten 2008 eher Studierende an Fachhochschulen als ausschlaggebenden Abbruchsgrund.

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Zusätzlich oder unabhängig von der Finanzspritze der Eltern jobben viele Studentinnen und Studenten, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren – laut der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes sind es 63 Prozent. Falls auch Sie während des Studiums jobben, sollten Sie die Vor- und Nachteile im Blick haben: Auf der einen Seite erhöht ein Nebenjob den Druck während des Studiums. Wenn Sie häufig an der Hochschule präsent sein müssen, kann es schwierig werden, Nebenjob und Studium miteinander zu vereinbaren. Außerdem haben Sie durch den Nebenjob weniger Zeit zum Lernen, was Ihre Studienleistungen und Ihre persönliche Motivation stark beeinflussen kann. Freiberufliche Tätigkeiten – zum Beispiel als Nachhilfelehrerin bzw. -lehrer – geben Ihnen übrigens die Möglichkeit, zeitlich möglichst flexibel zu arbeiten.

Auf der anderen Seite kann ein Nebenjob, der thematisch zur Studienrichtung passt, sich gut in Ihrem Lebenslauf machen. Sie können darüber hinaus mit einem „passenden“ Job die Theorie an der Hochschule praktisch anwenden, zum Beispiel wenn Sie als studentische Hilfskraft arbeiten können. Mit einem Nebenjob und die dadurch gesammelte Berufserfahrung gelingt Ihnen womöglich auch leichter der direkte Berufseinstieg nach Abschluss des Studiums. Insbesondere als Werksstudentin und Werkstudent haben Sie bereits einen Fuß in der Tür und werden häufig direkt nach Studienabschluss von dem Unternehmen eingestellt.

Generell gilt für alle Tätigkeiten: Beachten Sie bei studentischen Nebenjobs, dass sich die Einkünfte ab einer gewissen Höhe auf die Steuern und Sozialversicherung auswirken und gegebenenfalls eine Steuererklärung abgegeben werden muss. Eine Übersicht über diese und weitere finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie unter „Fakten checken“.

„Heute mal keine Vorlesung“ – mangelnde Studienmotivation

18 Prozent der Studierenden beendeten laut DZHW-Studien 2008 ihr Studium aufgrund mangelnder Studienmotivation, im Jahr 2000 waren es 16 Prozent. Die Befragten konnten sich nicht mehr mit dem Fach identifizieren oder sahen keine beruflichen Perspektiven mit dem gewählten Studiengang. Wie sieht es bei Ihnen aus? Kommt Ihre Motivation von innen oder von außen? Haben Sie sich zum Beispiel aufgrund der Aussicht, im Anschluss an das Studium einen gut bezahlten Beruf ergreifen zu können, für einen bestimmten Studiengang entschieden? Oder sind Sie von innen heraus für Ihr Studium motiviert und an dessen Inhalten interessiert?

Abbildung: Mangelnde Studienmotivation als ausschlaggebender Grund für einen Studienabbruch nach Hochschulart und Art des angestrebten Abschlusses, Angaben in Prozent

Die mangelnde Studienmotivation ist eng verknüpft mit falschen Erwartungen an das Studium und fehlenden Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt.

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Ein Grund für fehlende Motivation ist auch fehlende Information: Wenn Sie sich wie viele Studienabbrecherinnen und -abbrecher vorab nicht ausreichend über das gewählte Studium informiert haben, können sich Ihre Vorstellungen von den Studieninhalten als unrealistisch erweisen und sich Ihre Erwartungen an das Studium nicht erfüllen. Um die Hürden des Studiums erfolgreich zu meistern und die eigene Motivation zu fördern, ist es daher wichtig, dass Sie sich mit dem Fach identifizieren und einen konkreten Berufswunsch als Ziel des Studiums vor Augen haben. Natürlich können sich auch im Verlauf des Studiums Ihre Interessen oder die Rahmenbedingungen verändern. Oder Sie haben festgestellt, dass Sie lieber praxisorientiert und weniger theoretisch oder wissenschaftlich orientiert studieren möchten. Eine mangelnde Studienmotivation kann sich außerdem dadurch ergeben, dass sich die Chancen auf dem Arbeitsmarkt geändert und sich die Karriereperspektiven verschlechtert haben – beziehungsweise Sie diese anders bewerten. Schließlich kann mangelnde Studienmotivation auch Ausdruck einer der anderen schon genannten Motive sein – zum Beispiel wenn der Leistungsdruck zu hoch ist oder Sie aufgrund familiärer Verpflichtungen stark gestresst sind. Fehlt Ihnen die Zukunftsvision oder stimmen andere Rahmenbedingungen Ihres Studiums nicht, kann ein Studienumstieg eventuell Ihre Studienmotivation steigern. Informieren Sie sich auch genauer über die konkreten Berufe, die Sie aufgrund Ihres Studiums ergreifen können und lassen Sie sich dabei von der Zentralen Studienberatung, vom Career Center Ihrer Hochschule oder von den Beraterinnen und Beratern Ihres Fachbereichs unterstützen. Einige Beratungsstellen finden Sie auf unserer Landkarte.

Sind Sie nicht motiviert, neigen Sie eventuell dazu, unangenehme, aber notwendige Arbeiten aufzuschieben? Dann versuchen Sie doch einmal, diese in kleinere Aufgaben zu unterteilen. Falls die sogenannte Prokrastination, besser bekannt als „Aufschieberitis“, bei Ihnen mit negativen Gefühlen wie Angst einhergeht, wird es noch schwerer, die erforderlichen Arbeiten zu bewältigen. In seltenen Fällen kann das chronische Aufschieben auch Ausdruck einer psychischen Krankheit wie Depression sein. Weitere Informationen und weiterführende Links zum Thema „Prokrastination“ finden Sie unter „Fakten checken“.

Privat- und Hochschulleben vereinbaren – Familiäre und krankheitsbedingte Gründe

Auch familiäre Gründe können dazu führen, dass Sie am Studium zweifeln: Ihre Prioritäten verschieben sich, sobald sich während des Studiums Nachwuchs ankündigt und die Belastung durch Studium und Kinderbetreuung zu hoch wird, Sie plötzlich Familienangehörige pflegen müssen oder Sie krank werden. Bevor Sie sich aufgrund solcher Gründe für einen Studienumstieg, zum Beispiel ein Fernstudium, oder für einen Ausstieg aus dem Studium entscheiden, ist es sinnvoll, eine professionelle Beratung innerhalb der Hochschule und soziale Beratungsangebote außerhalb der Hochschule in Anspruch zu nehmen. An vielen Hochschulen erhalten Sie Hilfe bei der Kinderbetreuung oder Unterstützung beim Studieren mit Behinderung. Viele Studentenwerke bieten auch psychologische Beratungen an. Diese Beraterinnen und Berater sind speziell für die Belange von Studierenden geschult und kennen sich mit den verschiedensten Problemen während des Studiums aus. Darüber hinaus gibt es in den Kommunen und von anderen Trägern auch Sozialberatungen, die sich um soziale und familiäre Probleme von Studierenden kümmern. Weitere Informationen zu Beratungsangeboten an Hochschulen finden Sie zum Beispiel auf den Webseiten des Studentenwerkes.

Abbildung: Familiäre Probleme als ausschlaggebender Grund für einen Studienabbruch nach Hochschulart und Art des angestrebten Abschlusses, Angaben in Prozent

Familiäre Probleme führen in der Regel nur selten zu einem Studienabbruch.

DZHW

Einige Tipps zur Selbsthilfe und für ein „Ja“ zur Fortführung Ihres Studiums finden Sie in dem Artikel „Ja“ zum Studium: Motiviert weiter studieren“. Antworten auf Ihre Fragen zu den aufgeführten Motiven eines Studienzweifels und relevante Links finden Sie unter „Fakten checken“.