Gestalten ist ihr Hobby – und ihr Job

Athessa Lehmann wollte ihr Hobby zum Beruf machen. Doch als Studentin der Medien- und Kommunikationstechnik sollte sie rechnen statt gestalten. Heute, in ihrer Ausbildung zur Mediengestalterin, nimmt Athessa endlich wieder den Stift in die Hand.

Auszubildende sitzt vor dem PC: Blickt über den Bildschirm auf die Augen.

Fachnaher Wechsel: Athessa Lehmann sattelte vom Studium der Medien- und Kommunikationstechnik auf eine praxisorientierte Ausbildung zur Mediengestalterin um.

JOBSTARTER / Fotograf: Thilo Schoch

„Hätte ich während meines Studiums von positiven Erfahrungen anderer Studienabbrecher gehört, hätte ich das Studium sicher schon früher beendet“, sagt Athessa Lehmann heute. Dabei hatte die 23-Jährige bereits nach dem Abitur geahnt, dass ein Studium nichts für sie sein würde. Doch da sie zunächst als Au-Pair in die USA reiste, rückten ihre Ausbildungspläne erst einmal in den Hintergrund. Mit der amerikanischen Gastfamilie passte es nicht, sodass Athessa vorzeitig zurück nach Deutschland kam. Und da es sich aufgrund des beginnenden Semesters zeitlich anbot, entschied sie sich nach ihrer Rückkehr für ein Studium.

„Eigentlich wollte ich nie studieren“

In welchem Bereich Athessa studieren wollte, war klar: irgendwas mit Medien. Denn Malen und Gestalten waren schon immer ihr Ding. Der Studiengang Medien- und Kommunikationstechnik an der Uni Kaiserslautern schien perfekt: Er ist breit aufgestellt und bietet Absolventinnen und Absolventen viele berufliche Möglichkeiten. Doch schon nach einigen Wochen musste Athessa feststellen, dass nicht praktische Gestaltung, sondern vor allem Theorie und Fächer wie Physik und Elektrotechnik auf dem Stundenplan standen. Anfangs wollte sie sich durchboxen, nach dem misslungenen Au-Pair-Aufenthalt nicht schon wieder etwas abbrechen.

Auszubildende zeichnet einen Entwurf vom PC mit der Hand nach.

Als Mediengestalterin kann Athessa Lehmann ihr Hobby mit dem Beruf verbinden.

JOBSTARTER / Fotograf: Thilo Schoch

Mit der Zeit merkte Athessa aber immer deutlicher, dass ihr das Studium nicht gut tat. Die Theorielastigkeit und der Schwerpunkt auf Technik machten ihr zu schaffen. „Ich habe mich am Ende immer mehr zurückgezogen und überhaupt nicht mehr an mich selbst geglaubt, die seelische Belastung war einfach zu groß.“ In Verbindung mit einem längeren krankheitsbedingten Ausfall und vielen Gesprächen mit ihrem Freund, der ihr Mut für einen Neuanfang machte, entschloss sich Athessa nach dem dritten Semester, das Studium abzubrechen. „Ich habe mir am Ende gedacht: Was bringt mir ein schlechter Abschluss nach acht Semestern in einem Beruf, der mir keinen Spaß macht?“

Also suchte die Baden-Württembergerin online nach Medien-Berufen und stieß auf die Ausbildung zur Mediengestalterin. Nach eingehender Recherche über das genaue Tätigkeitsfeld war sich Athessa sicher, dass dieser Beruf genau ihren Interessen entspricht. Die Suche nach Ausbildungsplätzen gestaltete sich zuerst nicht so leicht: „Das hat ziemlich lange gedauert, weil es weniger Stellen für Mediengestalter im Raum Karlsruhe gibt, als Leute, die den Beruf lernen wollen.“ Nachdem sie auf die Vermittlungsagentur CyberForum gestoßen war, ging plötzlich alles ganz schnell.

Ausbildung um ein Jahr verkürzt

Sie bewarb sich, nahm an einem Fähigkeitstest teil und das CyberForum leitete ihre Bewerbung an Betriebe weiter, die Azubis suchten – auch an Athessas heutigen Ausbildungsbetrieb, eine Werbeagentur in Kandel. „Eine Woche später war ich Probearbeiten und am Tag darauf kam die Nachricht, dass sie sich freuen würden, wenn ich Auszubildende werden würde“, erzählt die 23-Jährige. Seitdem macht Athessa eine auf zwei Jahre verkürzte Ausbildung zur Mediengestalterin.

Ob sie die Ausbildung volle drei Jahre machen oder verkürzen möchte, konnte Athessa einige Wochen nach Berufsschulstart selbst entscheiden. Der Betrieb hatte sein Einverständnis schon im Vorstellungsgespräch signalisiert und für die Berufsschule reichte eine kurze Info über die Entscheidung. Athessa hat das erste Jahr der Ausbildung übersprungen und damit auf zwei Jahre verkürzt. Leistungen aus dem Studium konnte sie zwar nicht anrechnen lassen, fühlte sich aber dennoch wohl mit der Entscheidung. „Nur durch das Studium war die Verkürzung für mich überhaupt möglich“, sagt sie. Zugute kommt ihr auch, dass die Ausbildung vom Aufbau her einige Parallelen zum Studium aufweist, so kann Athessa die übersprungenen Lehrinhalte eigentlich schon in großen Teilen mit dem Vorwissen aus dem Studium abdecken. Bald steht nun die Zwischenprüfung an, da heißt es sowieso büffeln, unabhängig von der Ausbildungsdauer.

„Ich fühle mich wie ein neuer Mensch“

Auszubildende beim Kopieren eines Flyers.

Athessa Lehmann gestaltet in ihrer Ausbildung unter anderem Printprodukte.

JOBSTARTER / Fotograf: Thilo Schoch

Heute ordnet Athessa die beiden großen Brüche in ihrem Werdegang − der gescheiterte Au-Pair-Aufenthalt und das aufgegebene Studium − als Vorteil ein: „Ich denke, die Agentur hat sich auch für mich entschieden, weil ich schon gelernt hatte, wie man selbstständig arbeitet, wie ich Verantwortung für mich und andere übernehme und weil ich auch etwas älter und sicherer im Auftreten bin, als Bewerber die gerade aus der Realschule kommen.“ Jetzt, ein halbes Jahr nach Ausbildungsbeginn, ist sie sichtbar angekommen. Sie fühle sich wie ein neuer Mensch und erzählt, dass sie trotz ihres einstündigen Heimwegs nach Feierabend noch gern ausgeht und den restlichen Tag nutzt.

„In der Ausbildung werde ich gefördert, darf eigenständig arbeiten und bekomme Feedback. Man wird eben nicht wie Eine unter Vielen behandelt, sondern fühlt sich wie in einer kleinen Familie.“ In ihrem Ausbildungsbetrieb gefällt Athessa aber nicht nur der lockere Umgang im Team und mit den Chefs, sondern auch, dass man dabei konzentriert bleiben muss. Routiniert zurücklehnen ist bei der bunten Mischung an Aufgaben – von der kreativen Layout-Gestaltung, dem Schreiben von Texten bis zur Organisation von Events – nicht angesagt. „In meinem Job bin ich ‚Ich‘ – es macht mir Spaß, Kunden in einem Meeting zu treffen, aber ich bin auch froh, wenn ich mal im Schlabberpulli in die Arbeit gehen kann.“

„Man ist nie zu alt für einen Neuanfang“

Anderen Studienzweiflern rät Athessa, den Schritt in eine Ausbildung gleich zu wagen, wenn sie merken, dass das Studium nicht das Richtige ist. Bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz kann professionelle Unterstützung helfen. „Ich habe lange im Internet gesucht. Bei mir hat es zwar irgendwann geklappt, aber das kann ziemlich deprimierend werden, weil es ja in bestimmten Bereichen nur wenige Angebote gibt“, meint Athessa im Rückblick. Mit einer zweiten Person oder einem Berater die eigenen Fähigkeiten und Wünsche durchzusprechen, könne helfen, Stellen zu finden, die man online gar nicht finden würde. Außerdem sollte sich niemand vom eigenen Alter davon abhalten lassen, noch einmal etwas Neues zu beginnen: „Das war vielleicht auch ein Grund, aus dem ich mein Studium nicht gleich abgebrochen habe. Ich dachte, mit über 20 eine Ausbildung anzufangen, rentiert sich nicht. Aber jetzt weiß ich: Man ist nie zu alt für einen Neuanfang.“

Athessa findet, ihr Selbstbewusstsein hat vom Studienabbruch und der Ausbildung sogar profitiert, das merke man auch an ihrem größten Hobby: Schon als junges Mädchen malte sie sehr gern, verlor aber nach einem missglückten Zeichentest an einer Modedesign-Schule den Mut und nahm keinen Pinsel mehr in die Hand. Seit Beginn ihrer Ausbildung aber malt Athessa wieder: „Ich nutze es als Ausgleich und als Übung. Nachdem ich den Ausbildungsplatz bekommen habe, wusste ich wieder: Ich kann doch was!“

Athessa Lehmann beim Zeichnen: Blick an der Leinwand vorbei auf ihr Gesicht und ihre Hand..

Mit Beginn der Ausbildung hat Athessa Lehmann ihr Hobby Malerei wiederentdeckt.

JOBSTARTER / Fotograf: Thilo Schoch